BotanicBrain: die Box, die zurückredet
In meinem Zelt hängt seit Monaten keine Zeitschaltuhr mehr, sondern ein selbstgebauter Controller, der vor dem Gießen erst mal nachschaut. Was dabei rausgekomm…
Eine Zeitschaltuhr weiß nichts. Sie weiß nicht, ob dein Topf noch klatschnass ist. Sie weiß nicht, ob die Pflanze heute doppelt so viel gesoffen hat, weil die Lampe zwei Grad wärmer lief. Sie kennt genau eine Information – wie spät es ist – und trifft damit eine Entscheidung über Wasser. 🌱
Angefangen hat das Ganze bei mir aber gar nicht mit Ehrgeiz, sondern mit einem sehr nüchternen Problem. Ich lebe mit einer chronischen Erkrankung, drei Stunden am Tag sind mein Limit, und an schlechten Tagen schaffe ich es überhaupt nicht ins Zelt. Meine erste Idee war deshalb ziemlich banal: Da muss eine Automatik dran, damit mir nichts eingeht, wenn ich flachliege.
Eine Zeitschaltuhr hätte diese Aufgabe fast gelöst. Fast. Denn sobald sie ein paar Tage allein arbeitet, wird aus „gießt zuverlässig" schnell „ersäuft zuverlässig" – oder eben das Gegenteil, je nachdem wie warm die Woche war. Und ich habe gemerkt: Ich gieße sonst nach Gefühl, und das Gefühl ist immer einen Tag zu spät.
Also habe ich angefangen, mir einen Controller zu bauen, der vor dem Gießen erst mal nachschaut. Er heißt BotanicBrain, er läuft seit Monaten an meinen eigenen Pflanzen, und dieser Artikel ist keine Produktvorstellung. Es gibt nichts zu kaufen. Es ist ein Zwischenstand – mit den Stellen, an denen es kracht.
Was das Ding überhaupt misst
Der Kern ist ein Sensor, der im Wurzelballen steckt und nicht an der Oberfläche kratzt. Er liefert drei Dinge, jede Minute:
- Wassergehalt (VWC): wie viel Wasser gerade wirklich im Substrat ist, in Prozent.
- Salzgehalt (EC): wie konzentriert die Nährlösung im Topf steht – nicht die im Kanister, sondern die, in der die Wurzeln tatsächlich sitzen.
- Substrattemperatur : die Temperatur im Topf, nicht die der Raumluft.
Dazu kommt das Klima: Temperatur und Luftfeuchte per Funk, daraus rechnet der Controller das VPD (falls dir das nichts sagt: dazu gibt es hier den Guide VPD verstehen).
Klingt unspektakulär. Der Unterschied ist trotzdem gewaltig. "Ich gieße alle vier Stunden" und "ich weiß, dass der Topf gerade bei 58 % steht" sind nicht zwei Genauigkeitsstufen derselben Sache. Das eine ist Raten, das andere ist Schauen.
Aus Zahlen wird eine Antwort: der Dryback
Ein einzelner Messwert ist noch keine Information. Interessant wird die Kurve – und die wichtigste heißt Dryback.
Dryback ist einfach: wie weit trocknet der Topf zwischen zwei Wassergaben ab. Du gießt, der Wert springt hoch, und dann fällt er langsam. Wie schnell er fällt und wie tief, das ist die Antwort der Pflanze auf das, was du getan hast.
Und genau da wird es spannend, denn diese Antwort ist steuerbar:
- Kleiner Dryback, oft gegossen, im Topf bleibt es feucht – die Pflanze fühlt sich sicher und baut Blattmasse. Das ist der vegetative Zug.
- Großer Dryback, der Topf trocknet zwischendurch spürbar ab – die Pflanze bekommt kontrollierten, milden Stress und steckt ihre Energie in Blüten statt in Blätter. Das ist der generative Zug.
Das ist der ganze Trick hinter dem, was die Profis Crop Steering nennen: Du redest mit der Pflanze über Wasser, und der Dryback ist ihre Antwort. Ohne Sensor führst du dieses Gespräch mit verbundenen Augen.
Der Controller fährt deshalb keinen Zeitplan, sondern einen Tagesablauf mit vier Phasen: über Nacht bewusst abtrocknen lassen, morgens in mehreren kleinen Schüben wieder auffüllen, tagsüber das Niveau halten, abends kontrolliert auslaufen lassen. Wann der erste Schub kommt, entscheidet nicht die Uhr, sondern der Wassergehalt im Topf.
Was schiefgegangen ist
Jetzt der Teil, den man in Produktvideos nie sieht. Denn der ehrliche Ertrag dieses Projekts sind nicht die schönen Kurven, sondern die Tage, an denen etwas kaputt war.
Der Tag ohne Dryback. Morgens sehe ich, dass die Kurve über Nacht flach geblieben ist. Kein Abtrocknen, nichts. Mein erster Gedanke war: Sensor kaputt. War er nicht. Das Tropferloch war ausgerissen, das Wasser lief außen am Topf vorbei – und weil der Schlauch tiefer lag als der Topf, zog es nach dem Abschalten der Pumpe still weiter Wasser hinterher. Die Pflanze stand also im Nassen, während sie eigentlich hätte abtrocknen sollen. An der Pflanze war davon zu dem Zeitpunkt nichts zu sehen. An der Kurve war es sofort zu sehen.
Der Fehler, der sich selbst hochschaukelte. Ein Regler in meiner Software sollte das Dryback-Ziel jeden Tag ein wenig nachjustieren. Nur konnte er sein Ziel nachts gar nicht erreichen, weil eine andere Sicherheitsgrenze dagegenhielt. Also drehte er weiter auf. Und weiter. Ergebnis: Die Abendphase wanderte jeden Tag rund eine Stunde tiefer in den Tag hinein. Lehrbuchfehler, hat sogar einen Namen. Gemerkt habe ich es trotzdem nur, weil das Ding jeden Tag protokolliert, was es tut.
Die Uhr, der man nicht trauen darf. Mein Controller hatte lange keine eigene gepufferte Uhr, er holte sich die Zeit aus dem Netz. Ein einziger Ausreißer reichte – für einen Moment glaubte die Box, es sei Nacht, und schaltete mitten am Tag in die Abendphase. Seitdem gilt bei mir die Re …
BotanicBrain: die Box, die zurückredet