VPD verstehen: warum Temperatur und Luftfeuchte nur zusammen einen Sinn ergeben
Deine Werte stehen im grünen Bereich und die Pflanze macht trotzdem nicht mit? Dann schaust du auf zwei Zahlen, die einzeln nichts aussagen. Hier lernst du, wa…
Du hast Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Griff, beide Zahlen sehen gut aus – und die Pflanze zieht trotzdem nicht richtig los. Das ist kein Pech und auch kein schlechtes Genetik-Los. Es liegt daran, dass diese beiden Zahlen einzeln überhaupt nichts über das aussagen, was am Blatt passiert. Erst zusammen ergeben sie einen Sinn, und genau diesen Zusammenhang beschreibt VPD. 🌱
Was am Blatt wirklich passiert
Auf der Blattunterseite sitzen winzige Spaltöffnungen – bei Cannabis praktisch nur dort, auf der Oberseite sind es verschwindend wenige. Durch die verdunstet Wasser. Dieses verdunstende Wasser ist der Motor der ganzen Pflanze: Es zieht von unten Wasser aus dem Substrat nach, und mit dem Wasser kommen die Nährstoffe mit. Keine Verdunstung heißt kein Nachschub – auch dann nicht, wenn im Tank alles perfekt eingestellt ist.
Ein bisschen Wasser geht zusätzlich durch die Wachsschicht des Blattes verloren, oben wie unten. Das ist aber wenig, und vor allem kann die Pflanze es nicht steuern – die Ventile sitzen alle unten. Deshalb ist die Luftbewegung unter dem Blattdach wichtiger, als die meisten denken: Steht die Luft dort, hängt eine feuchte Schicht direkt vor den Spaltöffnungen und bremst die Verdunstung aus, auch wenn dein Messgerät mitten im Zelt perfekte Werte anzeigt.
Wie stark die Luft an diesem Wasser zieht, hängt davon ab, wie viel Wasser sie noch aufnehmen kann. Und hier kommt der Punkt, den die meisten überspringen: Warme Luft kann sehr viel mehr Wasser halten als kalte. 60 % Luftfeuchte bei 20 °C sind deshalb ein komplett anderer Zug am Blatt als 60 % bei 28 °C – bei gleicher Prozentzahl. Wer nur auf die Luftfeuchte schaut, steuert im Blindflug.
Genau diesen Zug misst VPD. Ausgeschrieben Vapour Pressure Deficit, auf Deutsch etwa "Dampfdruck-Defizit", angegeben in kPa. Du kannst dir den Namen sparen – merk dir stattdessen: VPD ist die eine Zahl, die sagt, wie stark die Luft gerade am Blatt saugt.
Zu wenig Zug, zu viel Zug
VPD zu niedrig (feuchte, kühle Luft): Die Pflanze verdunstet kaum noch. Der Nährstofftransport kommt zum Erliegen, das Wachstum wird weich und schwammig, die Blätter hängen schlapp herunter. Weil die Luft gleichzeitig feucht ist, ist das auch die Ecke, in der Schimmel und Botrytis anfangen. In der Blüte ist das der teuerste Fehler von allen.
VPD zu hoch (warme, trockene Luft): Jetzt verliert die Pflanze mehr Wasser, als die Wurzeln nachliefern können. Sie zieht die Notbremse und schließt die Spaltöffnungen – und in dem Moment stoppt auch die Photosynthese. Du siehst Blätter, die sich an den Rändern hochstellen und einrollen, oft mit trockenen Rändern. Die Lampe brennt weiter, das Geld läuft weiter, die Pflanze macht Pause.
Wichtig zu verstehen: Beide Enden sehen nach "Pflanze hat Durst" aus, brauchen aber die genau entgegengesetzte Reaktion. Ohne VPD rätst du.
Deine Zielwerte
Der Rechner ist auf diese Bereiche eingestellt:
- Vegetativ: 0,4 – 1,0 kPa. Junge Pflanzen haben wenig Wurzelmasse und können einen starken Zug nicht bedienen.
- Blüte: 1,0 – 1,6 kPa. Kräftigerer Zug, mehr Transport, mehr Stoffwechsel.
- Spätblüte: 1,4 – 2,0 kPa. Trockener gefahren, vor allem um die Blüten vor Schimmel zu schützen.
Als Klimafenster heißt das grob: Vegetativ 20–28 °C bei 60–80 %, Blüte 22–28 °C bei 40–60 %, Spätblüte 20–26 °C bei 30–50 %.
So benutzt du den Rechner
1. Öffne den VPD-Rechner.
2. Wähl oben deine Phase – die Zielbereiche stellen sich automatisch um.
3. Trag Temperatur und Luftfeuchtigkeit ein. Wichtig: die Werte aus der Box , auf Höhe der Blätter gemessen – nicht die vom Wetterdienst und nicht die vom Wohnzimmer.
4. Der Balken zeigt dir sofort, wo du stehst. Grün ist der Zielbereich, blau heißt zu wenig Zug, rot heißt zu viel.
5. Steht der Zeiger daneben, hast du zwei Schrauben: VPD zu niedrig senkst du mit weniger Luftfeuchte oder mehr Wärme. VPD zu hoch senkst du mit mehr Luftfeuchte oder weniger Wärme.
Spiel einmal bewusst mit den Reglern, ohne etwas an der Box zu ändern. Du siehst dann in dreißig Sekunden, was zwei Grad mehr bewirken – und dass Temperatur oft der stärkere Hebel ist als die Luftfeuchte.
Blatt-VPD: der genauere Wert
Das Blatt ist fast nie so warm wie die Luft. Verdunstung kühlt, deshalb liegt ein aktives Blatt typischerweise etwa 2 °C unter der Raumtemperatur . Der Rechner arbeitet deshalb mit einem Offset von −2 °C, sobald du Blatt-VPD anzeigen einschaltest.
Warum das zählt: Die Pflanze erlebt nicht das Luft-VPD, sondern das an ihrem eigenen Blatt. Bei kühlerem Blatt liegt der echte Wert niedriger als der Luftwert – du fährst also unbemerkt feuchter, als dein Messgerät suggeriert.
Der Offset ist keine Naturkonstante. Unter starker LED-Direktstrahlung und bei wenig Luftbewegung kann ein Blatt auch wärmer als die Raumluft sein, dann gehört ein positiver Wert eingestellt. Wer es genau wissen will, braucht ein einfaches Infrarot-Thermometer für ein paar Euro: aus kurzer Distanz auf ein großes, gesundes Blatt halten, ablesen, Differenz zur R …
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